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Ubbo Emmius, Friesische Geschichte, Bd 1, S. 28

Die Volksstämme, die jenseits der Weser dann noch übrig bleiben, sind, wenn sie auch zu demselben Volk gehören, entweder schon längst in Abhängigkeit von anderen geraten, oder sie haben sich von dem gemeinsamen Staat oder von Bündnissen mit den Friesen zurückgezogen. Deshalb werden wir möglichst kurz auch diese durchgehen.
Wenn man von Rüstringen aus über die Weser setzt, dann kommt man nach Landwürden, einem Teil der Bremer Diözese. Dieses Land zeigt nichts Friesisches mehr außer der vorzüglichen Fruchtbarkeit des Bodens und einigen Überresten der alten Freiheit. Dieses Gebiet erstreckt sich im Osten bis an den kleinen Fluß Lune, der in die Weser mündet.
Von der Lune aus nach Norden folgt ein anderes Ländchen derselben / Diözese, das infolge der Güte seiner Weiden in Wohlstand lebt. Es erstreckt sich nicht weiter als vier Meilen und wird in der Mitte von der Geeste durchschnitten, einem ebenfalls nur mäßigen Fluß, der von der Stadt Bremervörde, dem Wohnsitz des Erzbischofs kommt, unbebautes Land durchquert und auf beiden Ufern durch Deiche eingeengt auch in die Weser mündet. Es durchschneidet das Ländchen in der Mitte. An diesem Fluß liegt auf der Innenseite Lehe, ein stark bewohnter und gut bebauter Flecken.
Von da (zwei Meilen nördlich von der Geeste) nehmen die Wurster ihren Anfang, dem Namen und der Wirklichkeit nach Friesen; von der Wesermündung ab folgen sie der Küste und erstrecken sich nach Norden oder Nordosten über zwölf Meilen beinahe bis an die Mündung der Elbe, wo sie in einem gewaltigen Heideland, das man da Land Hadeln nennt, aufhören. Ihr nicht sehr breites Land ist besetzt von acht Kirchdörfern, wobei die Bauernhöfe über das ganze Land zerstreut liegen. Am Eingang liegt ein Dorf von mäßiger Größe:
Weddewarden, aber ohne Kirche; es ist ein Teil des sehr nahe liegenden Kirchspiels Dingen. In der Nähe des Dorfes stehen noch die Ruinen einer Burg, die der Erzbischof Christoph von Braunschweig einst errichtete und die Lucifer genannt wurde, unmittelbar am Strand. Dort, wo dieses Gebiet zu Ende geht, liegt als letztes Kirchdorf Spieka in einem Winkel, bei dem sich das Heideland bis ganz an den Deich erstreckt. Von den Dörfern ist das größte Wremen an der Küste, danach Dorum weiter im Landesinnem, das berühmt war durch seinen Handel.
Das ganze Land ist sehr fruchtbar und wird jährlich mit dem Pflug gepflügt. Der Ertrag an Früchten ist bewundernswert. Weiden für Vieh gibt es fast keine. Das Volk ist wild und greift schneller zu den Waffen, als man glauben möchte; und das tun nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen und Jungfrauen, wenn es die Sache erfordert. Oft haben sie tapfer für die Freiheit gekämpft, besonders gegen die benachbarten Bischöfe, denen sie nunmehr seit 66 Jahren gehorchen. Aber die Gesetze für ihren Gehorsam stehen auch jetzt dem freiheitlichen Zustand sehr nahe. Jedes Dorf wählt sich einen Präfekten, der nach den einheimischen Gesetzen Recht spricht. Aber an ihrer Spitze steht nur ein oberster Vogt, der vom Bischof bestimmt wird, der aber beim Abhalten des Gerichts auch an dieselben Gesetze gebunden ist. Wenn er jedoch dagegen handelt, dann ist sein Urteil ungültig. Sie dulden nicht, daß bei ihnen eine Burg als Zeichen der Knechtschaft gebaut wird. Fischfang, Jagd und Vogelfang, die alle drei sonst die Fürsten allgemein für sich beanspruchen, sind nach der einheimischen und einst allen Friesen gemeinsamen Sitte für jeden Einheimischen frei. Die Abgaben halten sich innerhalb maßvoller Grenzen. Ihre Vermehrung würde sie zu Unruhen und zur Forderung der Freiheit reizen. Andere Belastungen, die die übrigen Völker beschweren, gibt es hier fast gamicht. Die Vögte wagen aus Furcht vor Unruhen und Rebellion nicht erst den Versuch. Die Bauernhöfe sind in der Regel Eigentum der Siedler.Freigebig und freundlich sind sie gegen Fremde. Lange waren sie, wie auch die übrigen Friesen, unvermischt und wohnten für sich ohne Fremde, die sie nicht leicht bei sich wohnen ließen. Aber jetzt ändert es sich allmählich. Sie sind allzu trunkfest und beim Trinken streitsüchtig. Leicht kommt es zu Raufereien und Totschlag. Für Totschlag und Verwundungen gibt es bei ihnen nach den alten Gesetzen bisher größere Nachsicht, als es billig ist. Und dennoch beklagen sie sich, daß sie nicht frei sind. Dabei könnte es scheinen, daß auch ihre Nachbarn vom gleichen friesischen Stamm, die den Namen der Freiheit noch für sich in Anspruch nehmen, im Vergleich mit ihnen wirklich Knechte sind. Im Verkehr mit einander leben sie nach wilderen und heidnischeren Sitten, als es christliche Frömmigkeit eigentlich zuläßt. Der Hang zum Trinken aber beraubt die meisten ihres Besitztums. Die Kleidung wird bis zur Entstellung durch Felle von Kaninchen und Katzen und ähnlichen Tieren bunt gemacht;aber sie selbst finden dennoch sonderbarerweise Gefallen daran. Hinter dem Land Wursten liegt das Land Hadeln