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Der Friesische Sprungspeer

Eine „ endemische“ Waffe

Von Michael Tegge
Auf der Suche nach Quellen zu typisch friesischer Kleidung , Ausrüstung und Bewaffnung des Mittelalters, stieß ich vor einigen Jahren auf eine Waffe , die bis dahin in sämtlicher Fachliteratur gänzlich unbemerkt gewesen schien.
Tatsächlich handelt es sich bei diesem Gerät um eine „endemische“ Waffe , die nur im Bereich der südlichen Nordseeküste, hauptsächlich in gänzlich friesischen Gebieten , weiterhin in teils friesischen- bzw. friesisch beeinflussten Gebieten wie Stedingen und Dithmarschen vorgekommen zu sein scheint.
Zum ersten Mal entdeckte ich diese Waffe im Historischen Museum Aurich beim Betrachten des Totius Frisiae Siegels des Upstalsboombundes von 1324. Im Upstalsboombund waren die Freien Friesischen Seelande von 1156 bis ca. 1310 zusammengeschlossen. Diese Länder fühlten sich keineswegs dem Deutschen Reiche zugehörig , allenfalls dem Kaiser. Gaben sich ihr eigenes Recht , die 17 Küren , 24 Landrechte und im 13. Jh. die 7 Überküren.Sie wählten zur Landesführung je Land 16 Redjeven ( Ratgeber) demokratisch aus den Reihen der Landliude ( Landbesitzer) und duldeten keine auswärtigen Machtansprüche binnenländischer Feudalherren.Sie pflegten eigenes Brauchtum , sprachen ihre eigene Sprache und wählten selbst ihre Gemeindepfarrer aus den eigenen Reihen.Das Gebiet dieser vereinigten Friesischen Länder erstreckte sich von Westergo am heutigen Ijsselmeer , damals Zuidersee , bis zum östlichsten , Wortsatia ,dem Lande Wursten, zwischen dem heutigen Bremerhaven und Cuxhaven.Die Nordfriesischen Länder im heutigen Schleswig Holstein , gehörten dem Upstalsboombund nicht an und waren nur priviligierte Handelspartner.
Zu spüren bekamen die Friesische Freiheitsliebe durch vernichtende militärische Niederlagen unter anderem 1058 Herzog Bernhard II. von Sachsen , 1092 der Graf von Werl , 1101 Heinrich von Northeim , 1153 der Graf von Oldenburg , 1156 Heinrich der Löwe , 1254 die Herren von Bederkesa und Diepholz , 1256 Wilhelm von Holland , der diese Begegnung nicht überlebte.
Auf diesem besagten Upstalsboomsiegel sieht man zwei irokesenhäuptige, schuppenpanzerbewehrte friesische Krieger , die rechts und links der heiligen Mutter Gottes stehen. Einer mit Schwert und Rundschild , einer mit Rundschild und Speer , wobei der Speer am unteren Ende einen breiten Dreifuß besitzt , sowie in der Schaftmitte eine Kneuelartige Verdickung.
Die gleiche Waffe fand ich auf dem Siegel des Oostergo von 1477 , dem Siegel des Östringerlandes von 1306, dem Siegel Rüstringens von 1341, Dem Grabmal des Eppo von Rinsumageest von 1341 , sowie den Wandmalereien friesischer Zweikämpfe in der Kirche von Woldendoorp von 1350 und der Kirche von Westerwijdwert aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts.
Wozu diente nun dieser jedesmal sehr detailliert dargestellte Dreifuß am Ende des Speeres ?
Die Friesen hatten es imLaufe des 12. Jahrhunderts geschafft , an der Nordseeküste eine geschlossen Deichlinie zu vollenden , den sogenannten Goldenen Ring , im Rüstringer Asegabuch „ Die Friesische Seeburg“ genannt.Ein Werk , das in seiner Bedeutung für die Deutschen Gebiete wohl so wichtig war , wie für die Chinesen die große Mauer.
Die nun ganzjährig nutzbar gemachten Marschgebiete mußten durch zahlreihe Wasserlösen und Gräben , über die Betten der alten Prile aber auch über neue Wege entwässert werden. Die Wurtfriesen , Friesen des Landes Wursten zwischen dem heutigem Bremerhaven und Cuxhaven, errichteten gar einen Gravvall , ein Grabenwall , der das Land zum höher gelegenenGeesthinterland hin abtrennte, abfließendes Regen- und Tauwasser der Geest ableitete ,sowie in Verbindung mit einem Wall als militärische Verteidigungsanlage diente.
Nun gibt es heute noch in den Friesischen Marschgebieten ein Gerät , welches den Bewohnern hilft , beim Überqueren der Wiesen und Felder , die zahlreichen Gräben trockenen Fußes zu überschreiten. Der Kluvstock oder auch Polstock genannt. Heutzutage dient diese Gerät hauptsächlich zur Touristenbelustigung bei den Kluv – oder Polstocksprungwettbewerben, einer Art Stabweitsprung über moorige Gräben voller Entengrütze. Das Ende des Stabes ist dabei mit einer Platte oder Gabel vor dem Einsinken im weichen Untergrund gesichert.
Durch den dänischen Historiker Saxo Grammaticus erfahren wir zum ersten Mal von diesem Gerät um 1200 n. Chr. in seiner Darstellung Frieslands : „ Die Einwohner sind unbändig , flink ... umgeben ihre Felder mit breiten Gräben,über die sie mit Springstöcken setzen ...
Johannes Göhler zitiert in seinem Artikel aus dem Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands aus Saxonis Gesta Danorum 1931: „ Als das dänische Heer unter dem König Sven um 1150 den bewaffneten Friesen näherrückte , ..., konnten einige junge Friesen den Kampf nicht erwarten und sprangen in gewohnter Kunstfertigkeit über den Graben , der die Lager der beiden Heere trennte.“
Einen weiteren Beleg für diese Friesische Waffe findet sich mehr als 300 Jahre später in der Schlacht bei Laaxum . Am 10. Juni 1498 unterlagen die Westerlauwschen Friesen einem Angriff der Landsknechtschar des Herzog Albrecht von Sachsen. In der Biographie des Heerführers Wilwolt von Schaumburg wird die Bewaffnung der gegnerischen Friesen geschildert , 5 Meter lange Spieße , die hatten „ am undern ort scheüben , damit se in de moosigen Gräben setzen , wen sie uberspringen..“
Der Abt von Stade schrieb in seinen Annalen über den Wurster Krieg 1256 „ Da kamen die Friesen herbei und unternahmen fast nackt auf die gerüstetn einen Angriff , töteten viele und schlugen sie in eine unvermutete Flucht“.
Eine Kombination dieser Beschreibungen findet sich auf der Wandmalerei der Kirche von Woldendoorp von 1350 . Zwei Friesische Krieger im wohl gerichtlichen Zeikampf , der in der Friesischen Rechtsprechung eine wichtige und häufige Rolle spielte. Einer mit Schwert , Schild Faltenrock und freiem Oberkörper , der andere mit ärmellosem Oberteil , Faltenrock , Schild und Spreizgabel bewehrtem Speer , beide baarfuß. Ebenfalls fündig wurde ich hier auf der Suche nach der Verdickung in der Mitte des Schaftes . Der Krieger hält die Waffe hinter dem Kneuel , es soll also einem Durchrutschen beim Stoß entgegenwirken und diesem dadurch mehr Kraft verleihen.
Ebenfalls diese Waffe , auch hinter dem „Kneuelknauf“ gehalten , trägt einer der Krieger auf der Wandmalerei der Kirche von Westerwijdwert aus dem 13. Jh. Wobei hier jedoch beide Friesenkrieger lange Schuppenpanzer tragen , ähnlich denen auf dem Upstalsboomsiegel.
Eine leichtgerüstetes , bewegliches Kämpfen macht auf dem moorigen Marschboden generell Sinn , wenn es einem nicht ergehen will , wie bspw. dem Ritter Bernhard von Horstmar , der mit Otto von Lippe , dem Bischoff von Utrecht 1227 den Drenther Bauern unterlag. Obwohl Bernhard seinen Schild als Unterlage gebrauchte , sank er durch das Gewicht seiner Rüstung , also wohl Gambeson und Kettenpanzer incl. Beinlinge und Helm im Reith ein und kam dort ums Leben . Ebenso Wilhelm von Holland , der bei seinem Feldzug gegen die Friesen 1256 bei Stavoren im Eis einbrach und erschlagen wurde.
Rekonstruiert nach den genannten Siegelabbildungen ,testeten wir den Sprungspeer in den Salzwiesen des Deichvorlandes im Lande Wursten. Ralf Lottmann schaffte es ohne Vorübung , mit dem 2,50 m langen Speer , 6m breite Prile zu überspringen. Die weniger Sportlichen unserer Friesengruppe , kamen mit dem Gerät zumindest trockenen Fußes über Gräben , die ohne Stab wohl nur mit viel Anlauf , Kraft und Risiko zu überwinden gewesen wären.
Das der Friesische Sprungspeer im mittelalterlichen Friesland auf den Friesischen Namen „ Kletsie“ oder „Kletsia“ gehört haben muß , erfuhr ich durch Johannes Göhler von den „Männern vom Morgenstern“ – Heimatbund Weser und Elbe, durch seinen Beitrag zum Emder Jahrbuch , wobei Herr Göhler auch bei der gesamten Recherche wie immer eine große Hilfe war.



Michael Tegge