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Fan Magnus sauwen kerren

Westerlauwersches Landrecht, zitiert nach Ebel/Buma, 130 (Original in Friesisch)

Das Westerlauwersche Recht ist uns nur in einer Sammelhandschrift aus dem Kloster Thabor bei Sneek
überliefert. Diese richtete sich nach einer Vorlage von 1464. Die ältesten darin aufgenommenen
Rechtssätze gehen bis zum 11. Jahrhundert zurück.
Die Sieben Magnusküren sind die Entstehungssage des Friesischen Rechts. Sie erzählen in
legitimierender Absicht von einer Leistung der Friesen, die sie für Karl den Großen erbracht haben. Sie
lehnen einen materiellen Dank ab. Dafür erbitten sie sich von Karl dem Großen die Friesische Freiheit.
Diese wird in sieben Teilen gewährt. Zum Schluss hören wir noch von der Garantie des Rechts durch
Papst und Kaiser.

(1) Wollet hören und lasset euch erzählen von den ersten Küren, welche die Friesen
willkürten, als sie zu Rom den freien Stuhl erwarben und der Kampf anfing zwischen
König Karl und den römischen Herren wegen der [ausgestochenen] Augen des Papstes
Leo. Da führte man die nackten Friesen ganz nach vorne, damit sie zuerst erschlagen
würden. Da wagten die Friesen ihr Leben dafür und nachher erkämpften sie es mit den
Händen, daß sie die Römerburg eroberten zur dritten Tageszeit, als die römischen
Herren bei Tische saßen. Da setzte Magnus, der der Fahnenträger der Friesen war,
seine Fahne auf den allerhöchsten Turm, den es in Rom gab. Wie leid war das dem
König Karl; zuvor waren sie alle nackte Friesen, nun nannte sie der König alle Herren.

(1) Wjlla j hera ende letet ioe fertella fan dae aersta kerrem, de koning Kaerl ende Romera heren om dis pauwes Leo
aghene. Dae brochte ma dae nakeda Fresen alla fara, hoe se aerst wrslayn wirde. Dae bynedent dae Fresen mey
dae liuwe ende efter bifochten seth mei dae handen, dat se Romera burch wonnen oen der tredda tijd des deis, dae
Romera heren wr hiara meel weren. Dae brochte Magnus, deer Fresena fanere was, zijn fana op dae alrehaegista
thoer, deer binna Rome was. Hoe leed hit di koning Kaerle was, eer weren seg alle naekeda Fresen, dae heet se di
koning alle heren.

(2) Da bot man den Herren Gold und feine Gewänder an; da bot man einem jeden an,
seinen breiten Schild mit rotem Golde zu beschlagen. Da bot man jedem der Herren an,
ihn in ein besonderes Reich einzusetzen und daß man ihm von da aus diente, wie man
einem mächtigen König (dienen) sollte. Alle Gaben, die der König anbot, lehnte Magnus
ab und er wählte sich eine andere, viel bessere, und alle Friesen stimmten seiner Wahl
zu.

(2) Dae baede ma dae herem gold ende goedewob; dae baed ma eelkerlic zijn breda schiuld mey dae raeda gold toe
bislane. Dae baed ma dae heren eelkerlijc toe setten jn en sondrighe rike ende dat ma him deeraff tienade, als ma en
weldigha coninghe sculde. Alle dae ieften, deer di koning baed, dae weerspreek Magnus ende kaes en oer hael
bettra ende alle Fresen oen sijn kerre iechten.

(3) Da wählte Magnus als erste Küre, daß alle Friesen Vollfreie sein sollten, der
Geborene und der Ungeborene, solange der Wind von den Wolken wehen und die Welt
bestehen würde, und daß sie aus freier Wahl des Königs edle Heergenossen sein
wollten.]

(3) Dae kaes Magnus den aersta kerre, dat alle Fresen were friheren, di berna ende di oenberna, alsoe langhe als di
wijnd fan wolkenem waide ende dio wrald stoede, eide wollet wessa mey dae kerre des konyngis haga heranaten.

(4) Danach wählte Magnus die zweite Küre, und alle Friesen stimmten seiner Wahl zu,
(nämlich) daß man den Friesen die Holzbänder vom Halse lösen sollte und daß sie
immerfort Vollfreie sein wollten, der Geborene und der Ungeborene, und daß sie aus
freier Wahl des Königs edle Heergenossen wären.]

(4) Aldeerefter kaes Magnus den lettera kerre ende alle Fresen oen sijn kerre iechten, dat ma dae Fresem da wittha
of dae halse spaende ende dat se emmermeer wolde wessa friheren, di berna ende di oenberna, ende dat se mey
dae kerre were dis koninghis haga heranaeten

(5) Da wählte Magnus die dritte Küre, und alle Friesen stimmten seiner Wahl zu,
(nämlich) daß sie keine höhere Königssteuer zahlen sollten als die rechtmäßige
Haussteuer an den Skelta, es sei denn, daß unverständige Leute sich Bannbußen
zuschulden kommen ließen und sie die dann entrichten müßten.]

(5) Dae kaes Magnus den tredda kerre ende alle Fresen oen sijn kerre iechten, dat hia nen koningschijlde har ne
golde dan riochte huuslaga dae scelta, het ne se datter domme lioede oen dae bannem har wrberde ende hiaes dan
ongolde.

(6) Danach wählte Magnus die vierte Küre, und alle Friesen stimmten seiner Wahl zu,
(nämlich) daß sie keine höhere Abgabe an die Kirche zahlen sollten als den
rechtmäßigen Zehnten an den Propst, der die Messe in der Hauptkirche liest, es sei
denn, daß unverständige Leute sich Bannbußen zuschulden kommen ließen und sie
diedann entrichten müßten.

(6) Dae kaes Magnus den fiarda kerre ende alle Fresen oen zijn kerre iechten, dat hia nen himelscilda har ne golde
dan riochte deekma dae proweste, deer dae haudsto bisiongt, hit ne were datter domme lioede oen dae bannem har
wrberde ende hiaes dan oengolde.

(7) Danach wählte Magnus die fünfte Küre, und alle Friesen stimmten seiner Wahl zu,
(nämlich) daß sie auf keiner Heerfahrt weiter ziehen wollten als ostwärts bis zur Weser
und westwärts bis zum Fli, landeinwärts zur Flutzeit und zurück zur Ebbezeit, weil sie
bei Tag und bei Nacht das Meeresufer vor dem nordischen König und der Flut der
wilden Wikinger mit fünf Waffen: mit Schwert und mit Schild, mit Spaten und mit Gabel
und mit der Speerspitze schützen

(7) Dae kaes Magnus den fyfta kerre ende alle Fresen oen zijn kerre iechten, dat hia nen hereferd ferra fara ne wolde
dan aester toe dir Wisere ende wester toe dae Fle op mey dae floede ende wt mey dae ebba, omdat dat se den ower
wariath deis ende nachtis iens den noerdkoning ende iens den wilda witzenges sees floed mey dae fyf wepenum:
mey swirde ende mey sciolde, mey spada ende mey furka ende mey etekeris orde.

(8) Danach wählte Magnus die sechste Küre, und alle Friesen stimmten seiner Wahl zu,
(nämlich) daß sie ihr eigenes Recht in ihren sieben Seelanden halten wollten gemäß
dem Privileg des Papstes und des Königs, nach allen rechtmäßige Geboten und nach
allen rechtmäßigen Sprüchen des Asega (und) durch jedes rechtmäßige Urteil der
Priester, wenn diese zwei Laien als Beistimmende hätten.


(8) Dae kaes Magnus den sexta kirre ende alla Fresan oen sijn kerre iechten, dat se hiara ayn riocht wolde halda
binna hiara sauwen selandum bi des pauwes ende des konenges iefta, bi alla riuchta bannum ende bij alla riochta
aesga domum, bi alla papena riochte ordele, als hi hede tweer leekemaen toe fulgherem.

(9) Danach wählte Magnus die siebente Küre, und alle Friesen stimmten seiner Wahl
zu, (nämlich) daß Papst Leo und König Karl ihnen Brief und Siegel geben möchten und
sie darauf (diese) sieben Satzungen und[(die) siebzehn Küren und (die) vierundzwanzig
Landrechte und (die) sechsunddreißig Sendrechte schreiben dürften.

(9) Dae kaes Magnus den sauwenda kerre ende alle Fresen oen zijn kerre iechten, dat hiarem pauwes Leo ende di
koning Kaerle wolde iaen breeff ende jnsighel ende hia deeroen moeste scriuwe sauwen kerren ende sauwentien
kesta ende fiouwer ende tweintich landriochta ende sex ende tritich sinethriochten.

(10) Die Erlaubnis dazu erteilten Papst Leo und König Karl mündlich und nachher
bekräftigten sie die durch Handschlag. Ein heiliger Bischof saß dabei und schrieb es mit
den Händen auf und Magnus sprach es ihm mündlich vor von der Tafel, die Gott selbst
Moses auf dem Berge Sinai gegeben hat.

(10) Dit orlof ioed di paeus Leo ende di koning Kaerle mey dae monde ende efter biweddaden seth mey dae handem.
Een hollich bisscop seet toe ende screef mey dae handum ende Magnus spreket mey dae monde vter tiola, deer
God Moysi self ioed op dae birghe toe Synay.

(11) Als dieser Rechtsbrief fertig gestellt war, wie froh und erfreut da mancher edle
Friese war! Dann stellten sie sich alle zusammen vor dem Papst und dem König auf.
Der Papst übergab ihnen den Rechtsbrief. Wie nachdrücklich befahl er es ihnen und
hieß er sie das genau zu halten, ebenso fest wie sie den Christennamen behalten
möchten, und daß sie dem südlichen Recht gehorsam sein sollten, denn sie gehörten
(ehedem) zu dem nördlichen Königreich und waren alle Heiden.]

(11) Dae dit breef beraet was, hoe frij ende blij dae manich edel Fresa was. Dae ghinghen hia allegaer toefara den
paeus ende koning staen. Dat breeff hemmen di paeus ioed. Hoe haeghe dat hyt hiaerem bifeel ende heet, dat hia
dat hielde riocht, alsoe feste als hia den cristena nama halda wolde, ende dat hia dae suderna riocht herich were,
hwant se jn dat noerdkoningrike heerden ende alle heiden weren.

(12) Als der Rechtsbrief ihm zuerst in die Hände kam, da stimmte Magnus ein Loblied
an und sang: "Christ, sei uns gnädig, Kyrie eleison".

(12) Dae him dat breeff alleraerst jn dae hand kaem, dae hof him op Magnus en lofleisasang ende saeng: "Crist, sie
wse ghenade, kirieleyson".

(13) Dann räumten sie den Hof König Karls und das Land der Römer. Auch band er des
Königs Heerzeichen an seine Lanze, damit es allen Leuten glaubhaft wäre, daß alle
Friesen Vollfreie seien, der Geborene und der Ungeborene, solange der Wind von den
Wolken wehen und die Welt bestehen würde. Diesen Rechtsbrief brachte Magnus nach
dem Friesenland, den kann man lesen in Almenum im St. Michaelsdom, der damals aus
Holz und Segeltuch erbaut war. Es gab (damals) in Friesland sonst nicht viele (Kirchen).
Dort liest man in dem Rechtsbrief sieben Satzungen und siebzehn Küren und
vierundzwanzig Landrechte und sechsunddreißiß Sendrechte, allen Friesen zu Lob und
Ehren.

(13) Dae reemden se dis koningis Kaerles hoff ende Romera land. Aeck bandere oen sijn scheft dis koningis
hereteken, hoe hit alle dae fulke trowe were, dat alle Fresen friheeren were, di berna ende di oenberna, alsoe langhe
als dae di wijnd fan dae olkenen waye ende dio wrald stoede. Dit breef brochte Magnus jnor freeska merka, dat
lesma an Almenum jn sincte Michielsdoeme, deer toe dae tijt mey holte ende mey reile ramed was. Deer ne was jn
Freeslande ielkers naet manich. Deer lest ma wt dae brieuwe sauwen kerren ende sauwentien kesta ende fiouwer
ende tweintich landriochta ende sex ende tritich sinnethriochte, alla Fresum toe lowe ende toe erem.